«Jedes Projekt startet radikal bei Null.»

Die Innenarchitektin und Szenografin Elena Antoni arbeitet konzeptgetrieben und prozessorientiert – immer ausgehend vom Inhalt und offen für das, was im Machen entsteht. Im Gespräch erzählt sie, wie ihre Projekte beginnen, was gute Szenografie ausmacht und woher sie ihre Inspiration nimmt.
Liebe Elena, du kommst direkt von der Baustelle des kommenden Daniska-Cafés am Barfi, das du gestalterisch mitgeplant hast und nun auch an der Ausführung beteiligt bist. Wie würdest du deine Arbeit in drei Worten beschreiben ?
EA: «Ich kann sagen, wie andere meine Arbeit beschreiben. Mein Kollege Diego, Produktdesigner aus Valencia, sagte mal über mich: ‹your style is playful brutalist.› Ich glaube, was er damit meint ist, dass bei mir nicht meine persönliche Handschrift oder ein gewisser Stil im Vordergrund steht, sondern jedes Projekt radikal bei Null startet. Ich orientiere mich an dem Leitspruch ‹form follows content›, den ich von meiner Ausbildung an der HGK mitgenommen habe, und der als grundlegende Haltung für eine ‹gute Szenografie› dienen soll. Und ‹gut› heisst dabei, wenn die Szenografie auf Inhalt reagiert. Die Form soll den Inhalt unterstützen und nicht selbst im Vordergrund stehen. Ich mag es, wenn dabei Kontraste vorkommen, unscheinbare Details auftauchen und nicht die totale Harmonie herrscht. Das Spielerische zeigt sich auch in der Methode, wie ich an Projekte heran gehe: Ich erstelle eine Skizze im Grundriss und 3D-Modell, bin dann aber prozessorientiert, wenn bei der Umsetzung noch weitere Impulse oder kundenseitige Wünsche hinzukommen, die ich dann schnell erkenne und einfliessen lasse. Wenn ich selbst an der Umsetzung beteiligt bin, dann entwickelt sich das Projekt zusätzlich auch während dem Machen und das macht, aus kreativer und handwerklicher Sicht, extrem viel Spass.»
Wie gehst du an ein neues Projekt heran – gibt es einen typischen ersten Schritt?
EA: «Zuerst kommt immer das Konzept. Das ist das Allerwichtigste und meine Konzepte basieren immer auf einer Recherche, die je nach Projektgrösse unterschiedlich in die Tiefe geht. Beispielsweise bei dem Projekt ‹Paradiesli›, welches die Zusammenarbeit zwischen der BLKB mit dem Theater Basel repräsentiert. Die BLKB hatte den Wunsch, ihr Aufforstungsengagement mit den Ansätzen des Theater Basels in die Öffentlichkeit zu tragen. Das Ergebnis ist ein ‹Bühnenbild›, das heute über dem Theatereingang thront. Basis für diesen Projektpitch war eine sehr tiefe und kritische Recherche zum Thema nachhaltige Forstwirtschaft, aus der ich ein Storytelling für das Projekt erstellt habe.»

Du bewegst dich zwischen Innenarchitektur & Szenografie, Beratung & Umsetzung – was war zuerst?
EA: «Ich habe im Bachelor Szenografie und Innenarchitektur studiert und im Master Critical Urbanism. Seit 10 Jahren bin ich im Feld aktiv und konnte entsprechend viel Erfahrung sammeln, lerne aber auch bei jedem Projekt etwas Neues dazu. Das Spannende an der Szenografie sowie der Innenarchitektur ist, dass Du Berührungspunkte mit ganz vielen unterschiedlichen Disziplinen hast: von Theorie und akademischen Diskursen, zu Schreinerei, Metallhandwerk, Grafik, Licht, dramaturgischen Abläufe und Storytelling bis Marketing und Branding. Und da braucht es eine gewisse Dynamik, eine Fähigkeit, tänzelnd zu denken. Es geht dabei nicht um ein generalistisches Verständnis, sondern darum, ein gutes Gefühl für diese unterschiedlichen Disziplinen zu entwickeln. Und je nach Projekt stehen dann gewisse Arbeiten im Vordergrund, wo Du mit Fachspezialisit:nnen zusammenarbeiten und wieder extrem viel lernen kannst.»
Wann hat sich herauskristallisiert, in welche Richtung Deine Karriere gehen wird?
EA: «Meine Ausgangspunkte waren Architektur und Kunst: Ich habe in Deutschland ein Kunstabitur gemacht und mich intensiv mit Max Ernst oder Louise Bourgeois befasst, Kunstschaffende in deren Werken die Biografie eine grosse Rolle spielt. Auch Tadao Ando als Autodidakt hat mich als junge Frau sehr inspiriert. Ich finde es schön, wenn Lebenswerke nicht geradlinig einer Ausbildungsstruktur folgen. Als Migrantenkind habe ich erlebt, wie Lebensläufe durch politische und gesellschaftliche Geschehnisse umgeworfen oder teilweise gelöscht werden. Diese Erfahrung spielt in meine tänzelnde Dynamik rein: Ich habe eine Vision und ein Gefühl für das, was ich erreichen will, aber ich bin offen für alles, das mir auf dem Weg dahin begegnet. Denn man kann immer etwas mitnehmen aus allen Umwegen und Erfahrungen, die einem begegnen.
Heute ist für mich der direkte Bezug zum Leben und eine bewusste Positionierung in der Gegenwart ein wichtiger Ortientierungspunkt für meine Arbeit. Aus dem Critical Urbanism-Studium kenne und schätze ich akademische Diskurse zur Städteplanung sehr, ziehe aber Projekte vor, bei denen ich in absehbarer Zeit etwas beeinflussen kann. Die Erfahrung mit dem Minigolfklub auf dem Dreispitz war hierbei ein Schlüsselmoment, denn die Arbeit dort ging weit über das Planen am PC hinaus in die direkte Umsetzung; unter anderem haben wir selbst Recyclingbeton hergestellt und unsere Bahnen geschweisst. Und dieser Schritt nach aussen hatte damals viel Mut gekostet - wir drei junge Frauen wurden in der männerdominierten Baubranche zu Beginn nicht ernst genommen - aber wir haben einfach gemacht.»

Was hast Du aus dem Mingolfklub-Projekt sonst noch mitgenommen für zukünftige Projekte?
EA: «Dass man eine Verantwortung für die Gestaltung und für die Materialien hat, die man verwendet. Sowohl für die Ausstellung ‹sehend denken. 100 Jahre Lucius + Annemarie Burckhardt› in der Unibibliothek, als auch beim aktuellen Umbau für das neue Daniska-Café am Barfüsserplatz haben wir vor Ort geschaut, welche Materialien man weiter- und wie genau wiederverwenden kann. Solche Prozessschritte erfährt man nicht, wenn man hinter dem PC sitzt und dort bereits alles fertig geplant hat, sondern nur, wenn man sich intensiv mit dem Ort beschäftigt.»
Woher nimmst Du aktuell Deine Inspiration – eher aus Kunst, Alltag oder ganz anderen Quellen?
EA: «Aus dem Rauszoomen aus der Gesellschaft und dem In-die-Natur-Gehen. Aber auch aus ganz ungeplanten Begegnungen, zum Beispiel kürzlich beim Langlaufen im Winterurlaub im Engadin: Dort steht derzeit auf dem Silvaplanasee der Striptower von Gerhard Richter, der aus ganz vielen Plättli besteht - ein Bruch mit der Natur, der zum Innehalten anregte. Gleich in der Nähe ist das pinke Karussell von Carsten Höller zu sehen, das durch seine Verspieltheit anspricht und im Setting aus alpiner Landschaft und Pelzmantel verdutzt. Ich mag es, wenn etwas räumlich erlebbar ist, wenn Kunst nahbar und zugänglich ist und Kontraste schafft. Dieses Wochenende habe ich das Doshi Retreat auf dem Vitra Campus besucht, wo sich die Besuchenden selbst durch die Skulptur bewegen und verschiedene Sinneseindrücke durchlaufen können. Sich auf solche Erlebnisse einzulassen, macht man oft erst im Urlaub, wenn man Kirchen, Museen oder andere Gebäude besucht, aber im Alltag lässt man sich selten auf neue Situationen ein, man ist in seinen Routinen, bewegt sich auf seinen bekannten Wegen, schaut auf sein Handy… Eine weitere Inspirationsquelle ist das Kochen, mit meinem Partner neue Rezepte auszuprobieren und neue Weine zu testen. Dabei kann man die Seele baumeln lassen, das Jetzt geniessen. Auch die Momente im Alltag mit meiner Tochter geben mir extrem viel. Einfach ohne Ziel zusammen zu malen oder Lego zu bauen und dadurch in eine unbeschwerte, ungeplante Situation im Jetzt einzutauchen.»

An welchen Projekten arbeitest du aktuell?
EA: «Es läuft sehr viel und in ganz unterschiedlichen Bereichen und Grössenordnungen: Für das Daniska am Barfüsserplatz bin ich für das Interior Design verantwortlich, das ich mit dem Pächtercouple gemeinsam entwickelt habe. Bei diesem Projekt liegt auch die gesamte Bauleitung bei mir sowie viele der Umsetzungsarbeiten - eigentlich alles ausser Gips- und Elektrikarbeiten. Ausserdem bin ich für die Szenografie für die geplante Jubiläumsausstellung zu ‹150 Jahre Jurabahn› zuständig. Es handelt sich um eine historische Ausstellung mit einer Hauptausstellung im ehemaligen Werkhof Laufen sowie vier Satellitenausstellungen von unterschiedlichen regionalen Museen. Ein weiteres Projekt ist die gestalterische Neuausrichtung des roten Gebäudes schräg-vis-a-vis von der Markthalle, wo zuvor die UBS und die Roche beheimatet waren. Hier ging es ursprünglich darum, wie man die bestehenden Narrative ablegen kann und welche neue Identität durch Massnahmen des Interior Designs geschaffen werden kann. Bevor das Konzept umgesetzt wird, kommt jetzt aber zuerst der Basel Social Club in Teile des Gebäudes und danach wird mit der zukünftigen Mieterin, dem Finanzdepartement Basel-Stadt, unser Konzept auf deren Bedürfnisse nochmals neu abgestimmt. Was mich auch besonders freut ist, dass ich dieses Jahr an der Schule für Gestaltung das Semesterprojekt im Bereich Retail Design leiten werde. Und beim Minigolfklub befinden wir uns gerade in der Generationen-Übergabe, dort bin ich bald nicht mehr operativ tätig, aber werde weiterhin mit meinen Co-Gründerinnen als Vorstand im Hintergrund agieren.»
März 2026

