24 February 2026

Können wir der Zukunft entkommen?

Kommende Woche eröffnet in der Galerie see you next tuesday eine Soloshow des Basler Künstlers Till Langschied. Für die Ausstellung sind neue Arbeiten entstanden, die während seines Paris-Aufenthalts im vergangenen Jahr entwickelt wurden. In ihnen setzt sich Langschied kritisch mit den Möglichkeiten der datenbasierten Zukunftsgenerierung auseinander. Er stellt fest, dass zwei der grössten Datensammler und Verarbeitungstechnologien ironischerweise «Oracle» und «Palantir» heissen und sich durch diese Nennung quasi selbst magische Kräfte zuschreiben. Neben ausgewählten Aquatintablättern und Wandarbeiten aus Metall ist auch eine eindrückliche Serie an Chromaluxdrucken zu sehen, deren Motiv die Kristallkugel als Medium der Zukunftsvorhersage visuell aufnimmt.

Deine kommende Ausstellung heisst «Clouded Clairvoyance», also bewölktes Hellsehen. Schon immer wollte der Mensch in die Zukunft schauen. Was verspricht er sich von der Vorstellung, die Zukunft zu kennen?

TL: «Das <clouded> im Titel ist mehrdeutig und bezieht sich unter anderem darauf, dass die Sicht in die Zukunft eben nicht klar, sondern vernebelt ist. Damit möchte ich auf eine Verzerrung hinweisen, welche die Akteure, die behaupten, sie könnten in die Zukunft sehen, gerne verschweigen, wenn sie einem ihre digitalen <Weissagung> verkaufen. Ausserdem verweist der Titel natürlich auch auf die Cloud als Ort, an dem Daten gelagert und Rechenkapazitäten geleistet werden. Parallel zur Ideologie und der Verklärung von Technologien, geht es in der Ausstellung und in meiner Arbeit immer auch um deren physischen Infrastrukturen.»


Wieso müssen wir unbedingt in die Zukunft schauen oder wieso ist uns das Jetzt nicht genug?

TL: «Die Sehnsucht nach der Zukunft wird meiner Meinung nach ausgelöst, wenn die Gegenwart sehr ungewiss ist. Beziehungsweise ist das Jetzt bereits ausgelöscht vom Versprechen der Zukunft. Das, was wir «jetzt» nennen, ist eigentlich nur ein Zustand, in dem wir uns gerade für die Zukunft optimieren. Und damit wir das zielgerichtet machen können, müssen wir eben auch wissen, was in der Zukunft passiert und da spielt die technische Revolution mit ihren Möglichkeiten unsere Bedürfnisse vermeintlich zu kennen und zu steuern eine tragende Rolle.»



Welche Rolle spielt die Vergangenheit in dieser Überlegung? Denn wenn wir zurück schauen, sehen wir, dass Vorhersagen oft fehlerhaft beziehungsweise nie garantiert eintreffen. Wieso vertrauen wir nicht auf die Vergangenheit?

TL: «Interessanterweise vertrauen wir massiv auf die Vergangenheit, aber in einem anderen Sinne: Die von technologischen Systemen entwickelten Zukunftsszenarien basieren ausschliesslich auf Daten aus der Vergangenheit. Dabei fehlen aber Informationen, die nicht als verarbeitbare Daten vorliegen. Die Datenlage ist also einerseits fehlerhaft, weil nicht komplett und bevorzugt andererseits Informationen, die besonders oft vorkommen und populär sind. Deswegen wird uns die Vergangenheit immer wieder als Mashup angespült und als Zukunft verkauft, das sehen wir besonders stark in der Musik und im Film.»


Warum hält sich trotzdem die Vorstellung, Technologie sei neutral oder objektiv – obwohl sie für die meisten Menschen undurchsichtig und von wirtschaftlichen und politischen Interessen geprägt ist?

TL: «Der Mensch ignoriert gerne und natürlich werden wir die ganze Zeit mit Informationen von Tech-Firmen bombardiert, die uns sagen, dass ihre Technologien und deren Nutzung sicher sind. Mein Lieblingsbeispiel dafür sind wieder die Cloud-Systeme, in denen wir unsere Daten speichern: Es wird nicht gesagt, wir bauen gigantische, physische Datenzentren, die die Umwelt und die Lebensmöglichkeiten in bestimmten Regionen zerstören und dazu noch enorme Ressourcen verbrauchen. Sondern es wird ein Bild der fluffigen, wundersamen, fast immateriellen Cloud-Wolke am sonnigen Himmel gezeichnet. Heisst: Es werden bewusst Bilder konstruiert, denen wir vertrauen. Und natürlich wollen wir Vertrauen, weil es uns Sachen in vielerlei Hinsicht einfacher macht.»


«Entschliesst euch, nicht mehr zu dienen, und ihr seid frei» lautet ein bekanntes Zitat. Ist ein Entzug von Technologie, wie zum Beispiel Cloud-Diensten und Social Media, heute überhaupt noch denkbar – oder ist Teilhabe bereits zur Voraussetzung gesellschaftlicher Existenz geworden?

TL: «Ja, man kann sich entziehen, wenn man bereit ist, den entsprechenden Preis zu zahlen und eine gewisse Teilhabe einzubüssen. Ich hatte selbst so eine Situation im vergangenen Jahr: Ich wollte eigentlich nichts mehr auf Instagram posten. Denn ich möchte nicht, dass aus meiner Kunst, in die ich sehr viel von mir und meiner Recherche stecke, einfach digitaler Content wird - das kommt für mich einer Abwertung gleich. Aber in einer Gesellschaft, die von vielen Theoretiker:nnen als Attention Economy bezeichnet wird, muss man davon ausgehen, dass man dann einfach nicht mehr stattfindet, wenn man sich von digitalen Plattformen zurückzieht. Die andere Frage, die aktuell wirklich Relevanz hat, ist, wie man Dienste auswählen kann, die weniger potenziell schwierig sind, die eventuell ein wenig sicherer sind und weniger mit dem Ziel designt sind, mich in ein Suchtverhältnis zu drängen.»



In deinen Arbeiten geht es immer um die Beziehung zwischen der virtuellen und der analogen Welt und wo sie sich physisch manifestieren oder berühren. Wie schlägt sich diese Auseinandersetzung in deinen aktuellen Arbeiten nieder?

TL: «Ich möchte die Grenzen zwischen analogen und digitalen Medien immer wieder neu überschreiten und ausloten. Bei der Entwicklung der Motive der <Alternative Data Sets>, einer neuen Aquatinta-Serie, kam es zu Übertragungen vom Analogen ins Digitalen und wieder zurück. Basis waren Zinngüsse, wie man sie als Orakelhandlung zu Silvester macht, um erste Hinweise über das kommende Jahr zu erhalten. Ich habe die Motive dann in Photoshop aufbereitet und per Hand für den Druck mittles Kupferplatte übertragen.

Aber auch bei der auf Aluminium gedruckten <Interpolation>-Serie, von der sechs Arbeiten in der Ausstellung zu sehen sind, und die ganz digital daherkommen, sind analoge Elemente verarbeitet: Zu sehen sind <Kristallkugeln> in digitalen Räumen, die von abstrakten Serverformen inspiriert sind. In den Kristallkugeln liegen Aquarelle, die ich gemalt und dann gescannt habe und sozusagen in diese digitalen Bilder <interpoliert> habe. Dieses Spiel, Analoges ins Digitale zu überführen und das Digitale dann wieder in den analogen Raum zu bringen, ist ein grosser Teil meiner generellen Arbeit und auch dieser Ausstellung.»

Die Nutzung von KI und Sprachmodellen ist längst Teil unseres Alltags geworden. Setzt du diese Technologien in deinen künstlerischen Arbeiten ebenfalls ein?

TL: «Ich kann klar sagen, ich nutze keine KI in meinen Werken. Es gibt sicherlich Möglichkeiten, sehr spannende Arbeiten mit KI zu produzieren - davon sind mir schon einige begegnet. Und ich habe beim Aufkommen von KI ein paar Experimente gemacht, aber das aktuelle Stadium von KI finde ich relativ langweilig. Als Instrument verwende ich sie also nicht, aber als Thema finde ich sie sehr repräsentativ für die Technik unserer Zeit. Vor allem wie Menschen mit ihr umgehen und welche übernatürlichen Fähigkeiten sie ihr zuschreiben. Weissagungen durch Technik habe ich bereits in der Ausstellung <Orakelverflachung>, die in Paris zu sehen war, thematisiert und nun mit mehreren Serien in verschiedenen Techniken für die aktuelle Show umgesetzt.»

Februar 2026

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Till Langschied, CLOUDED CLAIRVOYANCE, see you next tuesday, 5. März bis 24. April 2026. Vernissage: 4. März, 18–20h /Artist Talk: 14. April 14, 18.30h / Finissage: 23. April, 18–20h

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Till Langschied ist ein bildender Künstler, Autor und GIF-Enthusiast. Seine künstlerische Praxis konzentriert sich auf den Zusammenbruch von Signifikatensystemen in einem von Technologie und Netzwerken geprägten Zeitalter.

In seiner künstlerischen Praxis interessiert er sich dafür, wie unsere meist digitalisierte Realität Spuren am menschlichen Körper und Bewusstsein hinterlässt. Wie kann unsere Psyche mit dem übersättigten Moment eines sich ständig erweiternden “now” umgehen? Irgendwo zwischen der attention economy und den self-care Apps geschieht etwas mit unserer Spezies, und Till versucht, dieses Gefühl der Entfremdung von der Realität nachzuzeichnen in unserer Zeit, in der alles hypervernetzt ist.

Neben bildnerischen Arbeit beschäftigt sich Till mit Text. Er gründete 2023 das queere Schreibkollektiv Q.U.I.C.H.E., das jüngst den Recherchebeitrag Basel-Stadt gewann.

Er studierte an der AMD Düsseldorf, am Institut Kunst HGK in Basel und an der Roaming Academy des Dutch Art Institute, ArtEZ.

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