«Ich verharre im Unbestimmten.»

Ana Vujić geht in ihrer Ausstellung «Sources of Uncertainty» den vielschichtigen Ursprüngen von Unsicherheit nach – dort, wo sich persönliche Erfahrung mit gesellschaftlichen Erwartungen verwebt. Neben ihren bekannten Kohlezeichnungen zeigt sie erstmals Wachsarbeiten, die Themen wie Körper, Mutterschaft und Identität in einer neuen Ästhetik verhandeln. Im Gespräch erzählt sie, weshalb sie Ambivalenzen bewusst offenlässt, statt sie aufzulösen, wie aus Unsicherheit trotz allem Handlungsfähigkeit entstehen kann und warum sie für die «Mother Milk Drawings» auf die Stimmen anderer Künstlerinnen zurückgreift.
Der Titel deiner Ausstellung fragt ganz gezielt nach dem Ursprung von Unsicherheiten. Wie funktioniert diese Rückverfolgung und lässt sie sich immer bis zum Ende führen?
AV: «Für mich ist der Titel ‹Sources of Uncertainty› weniger eine Aufforderung, eine eindeutige Ursache für Unsicherheit zu finden, als vielmehr ein künstlerischer Versuch, ihren möglichen Quellen nachzugehen. Ich frage mich: Wo beginnt dieses Gefühl? Was löst es in mir aus? Und wie wirken dabei persönliche, soziale oder gesellschaftliche Strukturen zusammen?
In meiner künstlerischen Arbeit führt mich eine persönliche Erfahrung meist zu einer grösseren gesellschaftlichen Frage. Denn persönliche Erfahrungen von Unsicherheit sind oft geprägt von sozialen Beziehungen, gesellschaftlichen Erwartungen und Normen. Mich interessiert genau diese Wechselwirkung zwischen dem Persönlichen und dem Strukturellen, wenn das Gesellschaftliche ins Private fliesst.
Unsicherheit hat somit selten nur eine Quelle. Vielmehr überlagern und verflechten sich verschiedene Faktoren, die sich oft nicht eindeutig voneinander trennen lassen. Wenn ich versuche, ihrer Herkunft nachzugehen, führt das deshalb alles andere als zu einer Auflösung und zu Sicherheit. Vielmehr entsteht ein Raum, in dem Ambivalenzen sichtbar werden und vieles miteinander verwoben erscheint.»

Was passiert in deinen Werken? Werden die Unsicherheiten und ihre Ursprünge aufgezeigt, verarbeitet oder sogar aufgelöst?
AV: «In meinen Werken geht es um verschiedene Themen, die mit Unsicherheit verbunden sind. Dazu zählen etwa Identität, Rollenvorstellungen oder gesellschaftliche Entwicklungen. Durch die aktuellen politische und gesellschaftliche Veränderungen ist Unsicherheit für viele Menschen zu einem ständigen Begleiter geworden. Gleichzeitig interessiert mich Unsicherheit als grundlegende menschliche Erfahrung, die wir bereits als Kinder machen. Meine Arbeiten versuchen nicht, Unsicherheit aufzulösen oder Sicherheit zu schaffen. Im Gegenteil: Sie lassen den Ausgang offen - ich verharre im Unbestimmten.»
Wie schaffst du es, aus Unsicherheit nicht Ohnmacht, sondern Handlungsfähigkeit entstehen zu lassen?
AV: «Ich glaube, dass eine bewusste Handlungsfähigkeit dort entstehen kann, wo ich innehalte und mich nicht von reiner Angst leiten lasse. Unsicherheit kann durchaus lähmend sein. Gerade die gegenwärtigen politischen Entwicklungen, wie der Rechtspopulismus, lähmen mich, weil ich mich hilflos fühle. Für eine gerechtere Gesellschaft müssen wir jedoch handlungsfähig bleiben. Kunst kann diese komplexen gesellschaftlichen Unsicherheiten zwar nicht auflösen. Sie kann jedoch Dinge sichtbar machen, Fragen stellen und Räume schaffen, in denen unterschiedliche Perspektiven nebeneinander bestehen können. Für mich ist bereits das Sichtbarmachen und der gemeinsame Austausch über dieses Thema eine Form von Handlung. Für diese Ausstellung wurden zahlreiche weitere Kunstschaffende wie LYSANN, Sanja Lukanović oder Olivia Wiederkehr und Projekte wie Art of Intervention eingeladen, sich mit Beiträgen zu beteiligen und somit das Thema zu öffnen.»

In der Ausstellung werden erstmals auch Wachsarbeiten von dir gezeigt. Wie ordnest du diese Arbeiten, bei denen du andere Materialien und Techniken als bisher einsetzt, in dein Werk ein?
AV: «Ich verstehe die Wachsarbeiten als eine Erweiterung meiner Kohlezeichnungen. Viele Themen, die mich beschäftigen, wie Körper, Geschlechterrollen, Mutterschaft, gesellschaftliche Erwartungen sowie die Frage nach der eigenen Identität, werden mit einer anderen Ästhetik untersucht. In meiner Arbeit steht oft der Mensch im Fokus. Das weisse, transparente Wachs erinnert mich an Haut und sogar an Muttermilch. Gleichzeitig ist Wachs so fragil, formbar und veränderbar wie wir und die gesellschaftlichen Bedingungen selbst.
Beim figürlichen Zeichnen fällt es mir schwer, die Kontrolle abzugeben. Deshalb habe ich im Rahmen dieser Ausstellung nach einem Medium gesucht, das mir ermöglicht, Unsicherheit unmittelbar als Teil des künstlerischen Prozesses zuzulassen. So ist die gleichnamige Wachsinstallation ‹Sources of Uncertainty› entstanden. Ich habe unzählige Zeichnungen, die alle auf demselben Mohnblumen-Motiv basieren, mit selbst erfundener Technik in Wachs gegossen. Jede Zeichnung hat sich durch diesen Vorgang individuell transformiert.
‹Another Sleepless Night› ist eine zweite Wachsinstallation, die sich weniger technisch als inhaltlich mit Unsicherheiten beschäftigt. Ich habe Kissen mit unterschiedlichen Materialien wie Bändern zusammengeschnürt und davon Wachsabgüsse erstellt. Diese entfremdeten Kissen sind für mich Symbole, in denen sich Gedanken und Unsicherheiten verdichten und uns den Schlaf rauben.»

Die «Mother Milk Drawings» basieren auf einer Sammlung von Aussagen zur Spannung zwischen den Rollenverständnissen von Mutter und Künstlerin, die du nun zu einem persönlichen Werk verarbeitest. Warum brauchtest du diese fremden Stimmen als Grundlage, um selbst zu einem persönlichen Werk zu finden?
AV: «Die Satzfragmente für ‹Mother Milk Drawings› sind aus Gesprächen mit Künstlerinnen entstanden. Gerade weil das Thema Mutterschaft so persönlich ist, war es mir wichtig, nicht nur von meiner eigenen Erfahrung auszugehen. Mich fasziniert, wo sich Stimmen überschneiden, wo sie sich widersprechen und welche gesellschaftlichen Erwartungen dabei sichtbar werden und wie wir individuell damit umgehen. Die Aussagen dienten mir als Ausgangsmaterial. Ich habe einzelne Sätze und Fragmente herausgenommen, verändert, neu zusammengesetzt, genäht und schliesslich in Wachsobjekte übertragen.
Es war für mich ein grosses Empowerment, über dieses Thema gemeinsam zu sprechen und all die Unsicherheiten zu benennen, die Mutterschaft und auch das Künstlerin-Dasein betreffen.»
///
September 2026
///
Kuration: Isabel Balzer
Künstlerinnengespräch mit Ana Vujić und Isabel Balzer: Donnerstag, 1.Oktober, 18h
Performance- und Soundabend mit Sanja Lukanović, LYSANN, infinideaux und Herr Herrli: Samstag, 3. Oktober, 18-21.30h
Finissage: Sonntag, 4. Oktober, 14-17h


