«Der Raum hat uns gefunden.»

CienCień ist eine unabhängige Kuratorinneninitiative, die Wiktoria Tundys und Natalia Blanco Sierra 2025 ins Leben gerufen haben. Mit ihrem ersten Projekt After Hours – HAR bespielen sie ein Haus, das bald abgerissen wird – ein Ort, der nicht bloss als Ausstellungsrahmen dient, sondern selbst zum Projekt wird. Im Gespräch erzählen sie über transkulturellen Austausch, die Kraft des Kollektiven und wie CienCień in den Zwischenräumen des Basler Kunstbetriebs seinen eigenen Weg findet.
Wiktoria und Natalia, ihr seid beide bereits seit einiger Zeit in der Basler Kunstszene aktiv. Wie habt ihr euch kennengelernt, und wie entstand die Idee, CienCień zu gründen?
Wir haben uns während der letzten Art Basel kennengelernt. Gemeinsame Freund:innen haben uns einander vorgestellt, da wir beide daran dachten, etwas Eigenständiges ausserhalb bestehender Formate zu schaffen.
Schon beim ersten Treffen war die Übereinstimmung in Interessen und Arbeitsweisen unmittelbar spürbar. Anstatt ein Projekt überstürzt anzugehen, entschieden wir uns, uns über einen längeren Zeitraum regelmässig zu treffen, um uns besser kennenzulernen und herauszufinden, wo sich unsere Vorstellungen überschneiden.
Diese informellen wöchentlichen Treffen wurden zu einem Raum für Austausch und Reflexion, aus dem das Konzept von CienCień allmählich hervorgegangen ist. Wir begannen, gemeinsame Interessen zu kartieren und zu erkunden, wie sie in einem gemeinsamen Rahmen zusammengeführt werden könnten – der bald darauf konkretere Formen annahm.

Basel verfügt bereits über eine dichte institutionelle Kunstlandschaft. Was für einen Raum oder eine Perspektive habt ihr als fehlend empfunden, und wie positioniert sich CienCień innerhalb oder neben der bestehenden Szene?
Wir wollten einen Rahmen schaffen, der flexiblere und transdisziplinäre Formen kultureller Produktion ermöglicht. Bestehende Strukturen sind oft klar durch Kategorien definiert, was fluidere Arbeitsweisen einschränken kann. Uns interessiert es, über diese Strukturen hinauszugehen und Bedingungen für Austausch zu eröffnen, bei denen jeder Kontext von den anderen beeinflusst werden und von ihnen profitieren kann.
Das Ethos von CienCień wurzelt im transkulturellen Dialog und in der Erkundung neuer relationaler Geografien jenseits etablierter Kulturzentren. Insbesondere möchten wir den Schweizer Kontext mit Kunstszenen in Spanien und Polen verbinden, die in institutionellen Rahmungen und im internationalen Umlauf weniger vertreten sind.
CienCiéns erstes Projekt, After Hours – HAR, findet in einem Haus statt, das bald abgerissen wird. Wie seid ihr auf diesen Ort gekommen, und was trägt der Raum zur Ausstellung bei?
Der Raum hat uns gefunden. Eine Gruppe von Kunstschaffenden hatte die Möglichkeit erhalten, das Haus vorübergehend für künstlerische Zwecke zu nutzen, und lud uns ein, darin ein kuratorisches Konzept zu entwickeln.
Wir erkannten sofort das Potenzial, verschiedene Ideen zusammenzuführen, die wir bereits entwickelt hatten: temporäre Nutzung, postdisziplinäre Produktion, gemeinschaftsorientierte Praxis und Nachhaltigkeit.
Die Ausstellung ist nur eine Schicht des Projekts. Alles, was im Haus stattfindet, entsteht direkt aus seinen architektonischen und sozialen Bedingungen. In diesem Sinne wird der Raum selbst zum Projekt, und die Ausstellung sowie das Programm sind Ergebnisse daraus – kein separater Rahmen.

Die Liste der ausstellenden und teilnehmenden Kunstschaffenden bei After Hours ist umfangreich, und ihr betont langfristige Zusammenarbeiten. Sind diese Kunstschaffenden Teil eines bestehenden Netzwerks, und welche Art von Nachklang oder Fortsetzung erhofft ihr euch? Wo werden eure zukünftigen Projekte stattfinden?
Unsere Beziehungen zu Kunstschaffenden und Kreativen bestehen sowohl im professionellen als auch im persönlichen Kontext. Wir schätzen langfristige Zusammenarbeiten und den fortlaufenden Dialog mehr als einmalige Beiträge.
Einige der teilnehmenden Kreativen hatten wir bereits zusammengearbeitet, andere kannten wir und luden sie gezielt für dieses Projekt ein, und neue stiessen organisch im Verlauf des Prozesses dazu. Mit einer so grossen Gruppe an Beteiligten wurde das Projekt zur Gelegenheit, neue Beziehungen zu knüpfen und bestehende Netzwerke auf unerwartete Weise zu erweitern.
Obwohl im Voraus nichts festgelegt war, entwickelte sich das Projekt durch ein starkes Gefühl gemeinsamen Engagements. Viele bedeutungsvolle Verbindungen entstanden, und wir hoffen, dass sich diese in zukünftigen Kontexten über diese erste Ausstellung hinaus weiterentfalten werden.

Ein Performanceprogramm ist ebenfalls Teil der Ausstellung. Welche Bedeutung haben Flüchtigkeit und das Temporäre für eure Praxis?
Wir arbeiten mit einem hybriden und nomadischen Ansatz und nutzen temporäre und liminale Räume, die kontextreaktives Programmmachen ermöglichen.
Flüchtigkeit ist nicht nur eine Bedingung des Formats, sondern eine Methode. Sie ermöglicht es jeder Initiative, direkt aus ihrer Umgebung heraus zu wachsen, anstatt von normativen Strukturen geprägt zu werden. Auf diese Weise wird das Projekt in seinen spezifischen Kontext eingebettet.
Performance intensiviert dieses Gefühl von Unmittelbarkeit und Präsenz. Sie schafft Situationen, die nur im Moment ihrer Aufführung existieren, aktiviert den Raum auf direkte und körperlich erfahrbare Weise und bringt Publikum, Kunstschaffende und Kontext in eine gemeinsame zeitliche Erfahrung.
Wir haben verschiedene externe und lokale Kreative eingeladen: Daniela Fuentes wird anlässlich der Sommersonnenwende eine rituelle Performance präsentieren, die auf den Ausstellungsraum und die Versammlungsräume des Hauses abgestimmt ist. Eine Gruppe von Tänzer:innen unter der choreografischen Leitung von Zina Vaessen wird eine Performance zeigen, in der das Gewebe des menschlichen Körpers in einer abschliessenden Narration mit den Innenräumen des Hauses verschmelzen wird. Markus Aebersold wird eine Klangperformance präsentieren. Ahwō ist ein Klang- und Lichtinstrument, das die physikalischen Eigenschaften von Wasser und Luft ins Zentrum stellt und im Umkleideraum, der vom Architekturteam unter der Leitung von Somin Yoo gestaltet wurde, gezeigt wird. Zudem haben wir Studierende der Musik-Akademie Basel eingeladen, die im Garten ein akustisches Konzert mit mittelalterlichen Instrumenten aufführen werden. Alles dreht sich um eine abschliessende Narration.

Wie wichtig ist der Aufbau von Gemeinschaft in eurem kuratorischen Ansatz?
Er ist für uns von grundlegender Bedeutung, und dieses Projekt bestärkt unseren Glauben, dass durch Kollektivität starke und eigenständige Werke und Projekte entstehen. In einer Zeit, die so stark vom Individualismus geprägt ist, besteht gleichzeitig ein tiefes menschliches Bedürfnis, Gemeinschaft aufzubauen, den eigenen Platz in der Welt zu finden und zu markieren. Es ist wirklich bewegend zu erleben, wie die Kunstschaffenden, Architekt:innen und Kreativen, die in dieses Projekt involviert sind, einander inspirieren, Ideen austauschen und wie ihre Interdisziplinarität die Ergebnisse ihrer Arbeit prägt. Für uns als kuratorisches Team ist es ausserdem eine ungemein wertvolle Erfahrung, Architekt:innen einzubeziehen, die ihr Wissen mit uns teilen und dabei helfen, unsere Visionen zu verfeinern und zu verwirklichen.
Viele unabhängige Kunstinitiativen arbeiten heute unter prekären Bedingungen und mit begrenzten Ressourcen. Welchen Herausforderungen begegnet ihr beim Aufbau von CienCień?
Wir erkennen diese Situation als Teil einer breiteren Realität des gesamten Kulturfelds.
Wie viele unabhängige Initiativen entstand CienCień mehr aus Neugier und Motivation als aus vorgegebenen Strukturen, was naturgemäss bedeutete, kontinuierlich zu lernen und sich anzupassen.
Eine der grössten Herausforderungen war die Ungewissheit, die dieser Art von Praxis innewohnt: konzeptionelle Ambitionen mit sehr konkreten logistischen und finanziellen Realitäten in Einklang zu bringen.
Gleichzeitig haben wir das Glück, in einer Stadt mit vielen engagierten Institutionen zu sein, die zu einer lebendigen künstlerischen und kulturellen Landschaft beitragen und diese unterstützen. Das Vertrauen und die Unterstützung, die wir von wichtigen Basler Institutionen erhalten haben, waren in einem Moment entscheidend, in dem noch keine Ressourcen gesichert waren.
Ebenso wichtig war das grosse Engagement der beteiligten Kunstschaffenden und Kreativen, von denen viele von Anfang an dabei waren und trotz unsicherer Bedingungen ihre Zeit und Energie investiert haben. Dieses kollektive Engagement resoniert auch mit dem Titel After Hours, der auf die Arbeit, Zeit und Hingabe verweist, die in der Kulturproduktion oft über die offiziellen oder sichtbaren Arbeitsstunden hinausgeht. Insgesamt war dieses gemeinsame Vertrauen grundlegend dafür, ein grosszügiges und widerstandsfähiges Netzwerk rund um CienCień aufzubauen.
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Öffnungszeiten: 5.–26. Juni 2026, Fr–So, 18h bis spät, und nach Vereinbarung.
Während der Art Basel: täglich Mo–So, 18h bis spät.
Adresse: Eisenbahnweg 17, 4058 Basel
Programm: www.ciencien.ch / www.instagram.com/_____ciencien/
Teilnehmende: Markus Aebersold, Joana Amora, Sonia Andrews, Niculin Barandun, Franziska Baumgartner, Clément Bedel, David Berweger, Arnaud Bostelmann, Casa Antillón, Weiyu Chen, Mariejon de Jong-Buijs, Liese Demol, Oskar Emmrich, Franka Frankowska, Matthias Frey, Susi Hinz, Michèle Janata, Dominique Jehle, Adrien Jutard, Selina Koch, Lena Laguna Diel, Pierre Marmy, Adrià Martínez Maldonado, Thomas Martin, Jeannette Mehr, Łukasz Moroz, Amelia Mroczkowska, Anouk Neyens, Katrin Niedermeier, Joan Pallé, Timo Paris x Artstübli, Tomasz Pobiedziński, Kate Robinson, Luka Rumor, Daniel Ruprecht, andreasschneider, Aleksey Shchigalev, Leah Studinger & Raphael Reichert, St.Poz, Zina Vaessen, Vincent Wikström, Arthur Wilkens, Linda Wunderlin, Kaito Yamamoto-Ran, Somin Yoo, Jack Zhang


